Bevor ich erkläre, was ich da drin hab und wie mir das helfen soll, eine kurze Beschreibung, was das überhaupt ist.
Skill-Koffer werden Behältnisse genannt, die sogenannte Skills enthalten. Keine Ahnung, wer das meinte, so nennen zu müssen. Der erste Gedanke, der mir bei Skills kommt, ist Fähigkeit zu irgendetwas. Dinge, die ich kann.
Nun, hier ist etwas anderes gemeint. Dinge, die man benutzt, um “runterzukommen”. Also eine Art Backpfeife, die man jemandem verpasst, der vor Panik gar nichts mehr kann, außer panisch zu sein.
Es geht hier um BPS*. Allgemein wird gern behauptet, der Borderliner verletzt sich absichtlich, weil er etwas spüren will oder er will nur Aufmerksamkeit. Damit macht man es sich ein bisschen zu einfach. Das Krankheitsbild ist sehr komplex und es geht nicht hauptsächlich darum. In erster Linie ist für die Verletzungen ein immenser Druck verantwortlich, den der Patient verspürt. Druck, sich auf eine ganz bestimmte Art Schmerzen zuzufügen. Das muss kein Schnitt mit einer scharfen Klinge sein. Das kann auch sehr starkes Kratzen sein, Beißen, Schlagen, Verbrennungen undundund.
Der Schmerz ist ein Ventil und er fühlt sich nicht zwangsläufig schlecht an. Es kann ein regelrechter Genuss sein. Und das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und diese möchte ich gar nicht mehr am eigenen Leib spüren. Leider wächst der Druck wieder und damit auch die anderen Probleme.
Borderliner leben in Extremen und diese können schlagartig wechseln. Anders als bei Bipolaren haben sie nicht wirklich Zeit, sich in einem Gefühlszustand einzurichten. Der Wechsel ist viel zu schnell und zu oft. Das ist nicht nur für den Betroffenen eine Qual, sondern auch für alle Personen, die damit konfrontiert werden. Zum Beispiel Angehörige oder Freunde. Um das durchzustehen, braucht man wirklich starke Nerven. Durch die fehlende Konstante wird der Betroffene für andere unberechenbar. Weil man mit allem rechnen muss und das ist eine zu große Bandbreite an Eventualitäten.
Um den immer stärker werdenden Selbstverletzungsdruck einzudämmen, muss der Betroffene herausfinden, bis zu welchem Punkt ihm die Skills noch etwas bringen. Dazu wird in Therapien gern eine Art Druckbarometer angefertigt mit den Stufen eins bis zehn. Zehn ist ganz oben, eins ganz unten. Bei mir wird es auf Stufe sieben sehr kritisch. Wird dieser Punkt überschritten, hilft mir nichts mehr. Wenn man Skills anwenden will, ist das das Erste, was man für sich herausfinden muss.
Wie hoch ist mein Druck gerade? Wie fühle ich mich auf welcher Stufe? Wo ist meine Grenze? Wie lange kann ich aushalten? Welche Skills helfen mir eventuell und wann?
Für jeden funktionieren andere Skills. Extreme Reize aber auch einfach Dinge, die die Aufmerksamkeit davon weglenken, um seinen Druck halbwegs abbauen zu können. Dass es nicht immer funktioniert, weiß ich leider auch.
Kam es zu einer Selbstverletzung, muss der Patient hinterher leider auch in den sauren Apfel beißen und reflektieren. Dazu helfen bestimmte Fragen wie: Wie hoch war der Druck? Was war der Auslöser? Was habe ich davor gefühlt, was danach? Welche Versuche habe ich unternommen, um mich nicht zu verletzen?
Diese Fragen helfen, um sich in solchen Situationen besser zu verstehen. Wichtig ist auch zu versuchen, den Druck so lange wie möglich auszuhalten. Das ist sehr, sehr schwer. Mit dem Druck ist es aber wie mit Angst, irgendwann geht die Kurve nach unten und diesen Punkt muss man erreichen. Bricht man zu früh ab, also gibt man seinem Gefühl nach und verletzt sich, erreicht man ihn nicht. So erfährt man auch nicht, wie es sich anfühlt und wie lange es dauert. Den Druck auszuhalten beweist eine immense innere Kraft. Wer es einmal geschafft hat, schafft es auch ein zweites Mal.
Nun zu meinem Koffer und dessen Inhalt.
Ich habe einen Igelball da drin, einen signierten BH (das war ein Spaßgeschenk einer lieben Freundin); Notfallnummern; alte Postkarten und Briefe; Brausepulver; Tee; Taschentücher; Schnipsgummis; einen Handschmeichler; Gummitiere; Creme; eine Duftkerze; eine Liste mit Liedern, die mich ablenken sollen; notierte Skills, die man da nicht reinpacken kann (Eiswasser, Coolpacks, Luftmatratze aufpumpen und solche Dinge) und Cartoons. Abgesehen davon ist mein “Koffer” ein Karton. Und immer öfter wird mir wieder bewusst, dass ich ihn besser nicht zu weit wegstellen sollte.
* Borderline Persönlichkeitsstörung
Gefällt mir:
Sei der Erste, dem diese(r) Artikel gefällt.